Was gibt es besseres als Einheimische über Dubai berichten zu lassen? In diesem Sinne habe ich einige Emiratis gefragt, ob sie bereit wären, ein paar Fragen zu beantworten. (
Hier ein früheres Interview)
Das folgende Interview führte ich mit Amina am Sonntag, 11. November 2007, und Dienstag, 13. November 2007. Unsere Unterhaltung wurde schriftlich notiert.

Amina, was, abgesehen von Deinem Namen, möchtest Du, dass die Leser über Dich wissen?
Ich bin 24 Jahre alt und habe eine 3jaehrige Tochter. Zu meinen Hobbys gehören tauchen, mich mit Freunden treffen und sammeln von alten Münzen und Noten der Vereinigten Arabischen Emirate. Ich bin hier geboren und aufgewachsen zusammen mit meinen vier Schwestern. Brüder habe ich keine.
Wenn Du sagst, Du seiest Emirati, ist Deine Familie irgendwann einmal eingewandert oder seid Ihr schon seit immer in dieser Gegend gewesen?
Ich habe persische Wurzeln. Meine Urgrosseltern wanderten ein, aber meine Grosseltern wurden bereits hier geboren.
Was ist aus Deiner Sicht die grösste Veränderung, welche Dubai in den letzten beiden Jahren erfahren hat?
Die grösste Veränderung sehe ich im sozialen Bereich. Früher sah man sich viel öfter. Heutzutage muss man Kompromisse machen, will man mit der Geschwindigkeit Dubais mithalten. Man verbringt nun mehr Zeit, die Vision Dubai zu verwirklichen als sich auf sich selbst zu fokussieren.
Man sagt, dass in der Arabischen Welt die Familie einen höheren Stellenwert hat als in der westlichen Hemisphäre. Erzähl ein bisschen, wie Dein Familienleben aussieht.
Der engere Familienzusammenhalt ist religiös und kulturell bedingt; religiös im Sinne, dass der Koran einen dazu anhält, die Eltern und die Familie zu ehren. Kulturell verankert ist hingegen, dass die Familie sich am Freitag bei den Grosseltern trifft. Während dies früher erwartet wurde, ist dies einem heute freigestellt. Ich freue mich jeweils auf dieses Zusammenkommen. Auch viele Freunde und Nachbarn kommen zum Haus meiner Grosseltern. Mein Grossvater empfängt die Männer im Majlis; wir Frauen treffen uns im Haus. Nach dem Mittagessen bleibt nur unsere Familie im Haus, und Männer und Frauen setzen sich zusammen. Die Bindungen unter den Frauen sind normalerweise stärker als unter den Männern. Dies ist auch der Grund weshalb wir uns im Haus der Eltern meiner Mutter treffen.
Die traditionelle Arabische Architektur hat getrennte Eingänge für Männer und Frauen, zwei Küchen, wobei eine draussen ist, eine hohe Mauer umgibt das Grundstück, ... wie sieht Dein Haus aus?
Das Haus meiner Eltern, wo ich auch wohne, besitzt einen grossen Vorgarten. Dort empfängt mein Vater seine täglichen Gäste – natürlich nur während des kühlen Winters. Im Sommer werden sie jeweils ins formelle Majlis gebeten. Während Ramadan stellen wir ein Zelt als „Ort der Begegnung“ auf. Freundinnen meiner Mutter oder mir kommen normalerweise am Morgen oder am Wochenende. Wir sitzen in den informellen Räumlichkeiten im Haus zusammen. Es gibt zwei Küchen – die so genannte schmutzige Küche fürs Kochen und die saubere Küche zum Anrichten – und zwei Eingänge – einen für Männer und einen für Frauen.
Wie möchtest Du einmal wohnen? Wie sieht Dein Traumhaus aus?
Aussen soll das Haus traditionell sein mit modernen Komponenten. Es soll grosse Fenster und einen offenen Grundriss haben. Zudem wünsche ich, dass es sich über verschiedene Ebenen und um einen Hof entwickelt. Gesellschaftlich möchte ich stets eine offene Tür für alle haben und keine Trennung irgendwelcher art vornehmen.
Nenne drei Dinge, welche Du typisch Arabisch findest.
- mündliche Kommunikation / gesellschaftlicher Umgang
- warme Gastfreundschaft / Grosszügigkeit
- starke Familienbanden / Beziehungen
Was möchtest Du Deinen Kindern auf den Weg geben?
Dass die Tradition ein Teil ihrer Identität ist – innerlich wie äusserlich. Ich würde mich wohl freuen, wenn meine Tochter einmal die Abaya trüge. Sie sollen Verständnis für unsere Geschichte haben und den Wert unserer Kultur kennen. Zudem wünschte ich mir, dass sie sich für Kunst interessierten, vor allem für Arabische Poesie.
Wenn Du ausgehst, dann nur mit anderen einheimischen Freundinnen oder ist Deine Gruppe kulturell gemischt und sind auch Jungs dabei?
Wenn ich ausgehe, geschieht das etwa
20% mit einheimischen Freundinnen
20% mit meinen Freunden aus der Universität (Männer und Frauen von verschiedenen Kulturen)
10% mit meiner Familie
50% berufliche Verpflichtungen
Das bringt mich zum nächsten Thema: Jemanden kennen lernen und heiraten, wie geht das, wenn Jungs und Mädels so getrennt aufwachsen und leben?
Früher war das bestimmt etwas komplizierter. Heute trifft man sich an der Universität oder bei der Arbeit. Dass man sich über die Familie und Freunde kennen lernt, bleibt als Möglichkeit immer noch bestehen. Zudem Erhöhen sich die Erwartungen an einen Partner, je mehr man erlebt und die Welt gesehen hat. Ich selbst war in einer gemischten Primarschule, dann in einer reinen Mädchenschule auf der Sekundarstufe und wieder in einer gemischten Klasse an der Business School in London.
Wie steht es mit reisen? Geht’s alleine um die Welt und wohin hat es Dich bis anhin verschlagen?
Ich reise sehr gerne. Etwa alle drei Monate breche ich meinen täglichen Trott und gehe ins Ausland. Ich reise mit meiner Familie, mit Freunden und geschäftlich. Am meisten geniesse ich reisen im familiären Kreis.
Denkst Du, Du wirst einmal im Ausland leben und arbeiten?
Ich habe mir das auch schon überlegt – aber wenn, dann nur für einen kürzeren Aufenthalt. Dubai verändert sich so schnell, dass ich sonst das Gefühl habe, hier etwas zu verpassen. Vielleicht zwei bis fünf Jahre. Ich glaube das wäre eine gute Erfahrung.
Augenfällig an der hiesigen Kultur ist unter anderem die Kleidung. Was kannst Du zur Abaya und der Hijab sagen? Was bedeutet sie Dir?
Mehr religiös als kulturell ist die Hijab (Kopftuch); mehr kulturell als religiös ist die Abaya. Mir persönlich wird von niemandem vorgeschrieben, wie ich mich in der Öffentlichkeit zu kleiden habe. Ich habe also die freie Wahl. Da ich daran glaube, trage ich die Abaya und die Hijab. Sie sind teil meiner Identität und meiner Kultur. Früher waren die Abayas einheitlich und schmucklos. Dies hat sich geändert, und es gibt eine grosse Vielfalt an Schnitten und farbenfrohen Verzierungen. Ich kann mir auch vorstellen, dass es nicht mehr lange dauert und der zurzeit noch übliche, schwarze Stoff wird farbig – erst vielleicht noch in verhaltenen Tönen.
Zurzeit ist das generelle Verhältnis zwischen Nahem Osten und Westen etwas getrübt. Was könnte Deiner Meinung nach der Westen tun, um dies zu ändern?
Die Medien spielen eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, Massen von Leuten eine Vorstellung von etwas zu geben. Wirksamer als politische Massnahmen, denke ich, wäre somit eine Zusammenarbeit in der Filmindustrie – im Unterhaltungs- wie im Dokumentarbereich. Auch die Kunst würde sich als ideale Brücke des Verständnisses anbieten. Sei es nun durch Ausstellungen oder Anlässe. Wichtig finde ich auch die Ausbildung: Die arabische Geschichte könnte vielleicht etwas ausführlicher behandelt werden im Westen. Auf Universitätsniveau findet bereits ein reger Austausch statt, dank gemeinsamen Projekten, Studienreisen und Austauschprogramme.
Nun dieselbe Frage andersrum: Was könnte Deiner Meinung nach der Mittlere Osten tun, um das Verhältnis Ost-West zu verbessern?
Wir sollten Probleme pro-aktiver angehen, statt sie zu beklagen. Wir sollten Dinge nicht als Barrieren sehen, sondern etwas schaffen, wovon alle profitieren. Dubai Cares kann als löbliches Beispiel genannt werden: Es ist das erste mal, dass ein Land und nicht eine Institution eine solche Hilfsaktion auf die Beine gestellt hat. Führung und Zusammenarbeit haben sich perfekt ergänzt.
Nenne drei Dinge, welche sich in Dubai in den letzten Jahren verbessert haben und drei, welche sich verschlechtert haben.
Positiv entwickelt haben sich
1. das Schulsystem
2. die Vielfältigkeit im Arbeitsangebot (vielleicht persönlich bedingt)
3. die Art, wie (gesellschaftlicher) Wechsel angenommen wird
Eher negativ finde ich, dass
1. die sozialen Kontakte schwächer und westlicher werden
2. Dubai grossflächig wächst (ich vermisse das alte Dubai, wo man in der Nachbarschaft einen Spaziergang machen kann)
3. die Lebenserhaltungskosten so massiv steigen
Ein Geheimtipp von Dir: Wohin sollte ich mit meinen Freunden ausgehen?
Ich treffe mich am liebsten zu Hause – bei mir oder bei Freunden. Japengo an der Jumeirah Beach Road besuche ich auch gerne. Es existiert schon seit acht Jahren oder so, und wir gehen regelmässig dort hin.
Wir sind am Ende des Interviews. Vielen Dank für Deine Einblicke in die Emiratische Kultur. Was möchtest Du den Lesern noch auf den Weg geben?
Die Sprache ist der Schlüssel zu einer Kultur. Es wäre schön, wenn man in Dubai arabisch spräche.
And here for my English-speaking friends:
Wouldn’t it be best to have a local talking about Dubai? In this regard, I have asked a few Emirati to share their views on life in Dubai with us. (See previous interview)
I met with Amina Sunday, 11th November, and Tuesday, 13th November, and noted our conversation in writing.

Amina, what besides your name would you wish the readers to know about you?
I am 24 years old and have a three-year-old daughter. I like scuba diving and socializing as well as collecting old coins and notes from the UAE. I have been born and raised in Dubai together with my four sisters. I don’t have any brothers.
When saying you are an Emirati, how far back do your family roots go?
My family comes originally from Persia. However, having said that, already my grandparents have been born here.
What do you think has changed most in Dubai over the past few years?
Social life has changed most. We had more time to see each other. Dubai is very turbulent now. When going at the pace of Dubai, one needs to compromise. So to say, one spends more time being part of building Dubai than focusing on you.
Presumably, family has a higher value in the Arab world than in the Western world. Please tell us, how your family life looks like.
There are two reasons for our close family relationship – one lies the religion and one in the culture. Quran tells us to treat our parents well because they raised us and have given us much. Rooted in tradition is that families usually gather every Friday. While there was no choice but to attend these get-togethers during our grandparents’ time, you may decide yourself whether to join or not nowadays. In my case, I prefer our communal Fridays to any other activity. As my grandfather is well known in the neighborhood, many non-family related people come to my grandparents’ house, too. Men gather in a separate majlis until after lunch. In the afternoon, when only family members remain in the house, we all sit together. When I refer to my grandparents’ house, I mean the house of my mother’s parents. It is because the family bond between women is stronger than between men.
Traditional, Arab architecture knows separated entrances for men and women, has two kitchens and a high wall along the property limits. How does your house look like?
I live at my parents’ house. We have a large outside area. – That is where the men sit with my father – obviously only during the cooler winter period – and where we have a tent during Ramadan. Woman visitors come usually during the morning and on weekends. We host them inside the house in the informal areas. – The house has two separate entrances, one for men and one for women. There is one kitchen for cooking, the so-called dirty kitchen, and one for preparation, the clean kitchen.
How would your dream home look like?
The exterior should be traditional with some modern components. I imagine the floor plan on different levels and very open. I like to have a lot of windows. The courtyard concept or a somehow centralized arrangement seems very interesting to me as well. There will be no separation of any sort. I wish to have an open-door policy where everybody would be welcome.
Which three things do you consider typically Arabic?
1. Oral communication / socializing
2. warm hospitality / generosity
3. strong relationships / ties
What would you wish to give your next generation on the way?
Tradition is part of the identity, and it shall reflect from the inside as well as from the outside. (I probably would enjoy if my daughter would wear the abaya.) They should understand and value our culture and history. Furthermore, I wish them to find interest in art and especially in poetry.
When going out, how mixed is your group of friends?
Speaking in percentages, it would be
20% private with local girls
20% private with friends from university – mixed cultural backgrounds and mixed in terms of genders
10% family
50% work related – mixed
That brings me to another topic: how do you get to know somebody, your future partner, in a society where people are separated according to their gender?
This might have been an issue earlier, but nowadays, one meets people during university and, most important, during work. So, either one gets to know someone through socializing at work, through mutual friends or through family. – People are much more exposed now. The benchmark for potential partner has risen according to the exposure. One needs to expand the network beyond what an arranged marriage could give.
How about traveling?
I enjoy traveling, and I leave the country about every three months. It is like a break from the hectic lifestyle of Dubai. I travel with work, with family and with friends. The most joyful one is with my family.
Could you imagine living and working abroad?
I thought of it. But if I do so, then I only leave for a short period of time – maybe two to five years. It would give a good exposure. However, Dubai changes so fast that I have the feeling I would miss something, would I be gone for too long.
The dress code is an obvious characteristic in the Arab culture. Please tell us something about the Abaya and the Hijab and what they mean to you.
The hijab is more religious than cultural. The abaya, in contrary, is more cultural than religious. I personally believe in it, and that is why I am wearing it. There are no restrictions. It is my choice. Hijab and Abaya are part of my identity, part of my heritage. It is also different nowadays where abayas are not plain and uniform anymore. There are different cuts and colorful embroideries. It won’t take long and even the fabrics will show other colors but black.
The general relationship between the Middle East and the Western world is not at its best at the moment. What do you think could the West do in order to improve the situation?
The media plays a crucial role in the image transfer. As such, I would suggest, for example, jointly produced documentary and Hollywood movies. The fields of art and entertainment would be another ground to easily gain understanding for each other. Integrating the Arab history into the Western education system would be beneficial as well. It is already present on a university level where joint projects, exchange programs and field trips abroad are very common. I believe all these activities would make a bigger impact than political moves.
Now the same question from a different angle: what do you think could the Middle East do in order to improve the current situation between Middle East and West?
We should have a more proactive approach rather than complaining about issues. We should not see problems as barriers but create things that are beneficial for everybody. Dubai Cares might be a good example for it. It is the first time that a nation and not an institution carried such a movement. I also think it is good to focus on something else but tourism.
Please name three things which changed to the good in Dubai and three things that changed to the worse.
Changes to the good would be:
1. education
2. job variety – maybe a personal view
3. how people accept and adapt to changes
Changes to the worse I see in
1. the social bonding which loosens and becomes more Western in style
2. the diversity and dimension Dubai has gained as I miss old Dubai where you could walk in your neighborhood
3. the raising cost of living.
Please, would you provide an insiders’ tip where to go out with friends?
I mostly prefer to spend time at each other’s home. A place I very much enjoy is Japengo at Jumeirah Beach Road. Maybe it is because it exists for such a long time, and we have been going there for so many years.
We are at the end of the interview. Thank you very much for your insights into the Emirati culture. Do you have any last words for our readers?
The language is the key and tool to enter a culture. Learn Arabic when living in Dubai!