Was gibt es besseres als Einheimische über Dubai berichten zu lassen? In diesem Sinne habe ich einige Emiratis gefragt, ob sie bereit wären, ein paar Fragen zu beantworten.
Das folgende Interview führte ich mit Khalil am Dienstag, 15. April 2008. Unsere Unterhaltung wurde schriftlich notiert.
(Früher wurden bereits Interviews mit Shadra und mit Amina publiziert.)

Khalil, was, abgesehen von Deinem Namen, möchtest Du, dass die Leser über Dich wissen?
Ich bin in Dubai geboren und aufgewachsen. Ich habe mein Universitätsstudium in den USA in den Fächern Computer Aided Drafting & Design sowie in Work-Force Education & Development abgeschlossen. Ich liebe Kunst und male selbst. Ich bin froh, in einem Bereich zu arbeiten, welcher meinem künstlerischen Talent Rechnung trägt. Georg Bernard sagte einmal: “Glücklich sind jene, welche ihr Hobby zum Beruf machen können.” Ich hatte schon einige Ausstellungen, und zurzeit arbeite ich an zwei, drei neuen Projekten. Hauptberuflich bin ich in der Kunstabteilung des Kulturministeriums von Dubai tätig. Zuvor unterrichtete ich als Lehrer an einer technischen Schule. Zusammen mit Mohammed Kazem lehrte ich auch “malen” an einigen Sommerakademien. Aber das liegt jetzt schon zehn Jahre zurück.
Wenn Du sagst, Du seiest Emirati, ist Deine Familie irgendwann einmal eingewandert oder seid Ihr schon seit immer in dieser Gegend gewesen?
Früher waren die Leute viel mobiler in bezug auf ihren Wohnsitz. Man zog von den VAE nach Bahrain und von Saudi Arabien nach Katar. Die Leute lebten vom Meer – Fischfang oder Perlentauchen – oder Ackerbau. Meine Eltern und Grosseltern lebten bereits in der Bastakiya Gegend von Dubai.
Was ist aus Deiner Sicht die grösste Veränderung, welche Dubai in den letzten beiden Jahren erfahren hat?
Keine einfache Frage! Alles wechselt so schnell in Dubai. Es hängt wohl von Deinen Interessen und Deinem Beruf ab, in welchen Bereichen Du die Veränderungen am meisten wahrnimmst. Ein Geschäftsmann sieht die Entwicklung in der Wirtschaft. Ich sehe vor allem die vielen Veränderungen auf dem Gebiet der Kunst. Auch die Stadt ändert sich – man beachte nur die vielen Bauprojekte. Die Geschwindigkeit ist enorm! Die Kultur verändert sich ebenfalls rasant. Ich hoffe, dass all diese Veränderungen am Ende nur zum Guten für die Leute und das Land sind.
Man sagt, dass in der arabischen Welt die Familie einen höheren Stellenwert hat als in der westlichen Hemisphäre. Erzähl ein bisschen, wie Dein Familienleben aussieht.
Es ist typisch für die arabische Welt, dass die Grossfamilie nahe beieinander wohnt. Man besucht sich gegenseitig häufig und regelmässig; das verbindet. Wir bauen auch ein sehr enges Verhältnis zu unseren Nachbarn auf. Man redet nicht nur miteinander, sondern teilt auch Essen miteinander – vor allem während dem Fastenmonat Ramadan. Das alles bringt uns näher zueinander, und so merken wir, ohne dass etwas gesagt werden muss, wenn jemand etwas braucht. Es gehört zu unserer Tradition, dass Vater und Sohn im selben Haus wohnen. Ich zum Beispiel lebte im selben Haus wie meine Grosseltern und meine Eltern. Auch mein Bruder lebte mit seiner Frau bei uns.
Die traditionelle Arabische Architektur hat getrennte Eingänge für Männer und Frauen, zwei Küchen, wobei eine draussen ist, eine hohe Mauer umgibt das Grundstück, ... wie sieht Dein Haus aus?
Es gibt verschiedene Arten zu leben auf dieser Welt. Wie man lebt, hängt von der Tradition und der Religion ab. Die Leute leben so, wie es am besten zu ihnen passt. Die Architektur in der arabischen Welt achtet dabei mehr auf die Einhaltung der Privatsphäre – vor allem im Wohnungsbau. Dies geht zurück auf unsere Tradition und unsere Religion. Am auffälligsten für Europäer ist wohl, wie wir unseren Frauen eine eigene Privatsphäre bieten. Sie haben ihre Räumlichkeiten – wie auch die Männer – wo sie unter sich sind und sich ungestört bewegen können. Das Majlis für die Frauen hat im Gegensatz zu demjenigen der Männer keine Fester auf die Strassen und liegt auch nicht neben dem Eingang.
Wie möchtest Du einmal wohnen? Wie sieht Dein Traumhaus aus?
Ich mag sowohl die Stadt wie auch das Land. Somit hätte ich gerne ein Zuhause im Zentrum der Stadt und ein Haus draussen in der Natur. Ich liebe das Wasser und wünschte deshalb, das Meer zu sehen oder sogar am Strand zu wohnen. Der Garten ist eine andere Leidenschaft von mir. Ich träume davon, einen grossen, blühenden Garten zu haben. Das Haus selbst soll einen separaten Teil haben, in welchem ich meine Gäste und Freunde bewirten kann. Gastfreundschaft ist sehr wichtig in unserer Kultur und auch für mich. Und natürlich darf ein Atelier nicht fehlen.
Nenne drei Dinge, welche Du typisch Arabisch findest.
Ich würde sagen, Emiratis sind
- nette Leute
- gastfreundliche Leute
- offen gegenüber allen und warm-herzig
Was möchtest Du Deinen Kindern auf den Weg geben?
Die emiratische Kultur. Ich wünsche, dass wir unser reiches, kulturelle Erbe der nächsten Generation erhalten können. Die Sprache sehe ich auch als Teil der Kultur, und wir müssen sie unbedingt pflegen.
Wenn Du ausgehst, dann nur mit anderen einheimischen Freundinnen oder ist Deine Gruppe kulturell gemischt und sind auch Jungs dabei?
Ich gehe mit Freunden aus, in Gruppen oder mit der Familie. Wenn ich mit der Familie aus gehe, besuchen wir meistens andere Familien. Wir mischen uns nicht wirklich in unserer Kultur aber auch das ist sich am ändern.
Das bringt mich zum nächsten Thema: Jemanden kennen lernen und heiraten, wie geht das, wenn Jungs und Mädels so getrennt aufwachsen und leben?
Unsere Kultur trennt die Gesellschaft nicht, das wäre eine falsche Vorstellung. Es geht mehr darum, dass wir versuchen die Privatsphäre der einzelnen Menschen zu wahren. Auch hier kann man sehen, dass sich unsere Kultur verändert und nicht mehr dieselben Regeln gelten wie vor einer Generation. So arbeiten zum Beispiel viele emiratische Frauen in einem gemischten Arbeitsumfeld. Die Gesellschaft akzeptiert diese Veränderung mehr und mehr. Wenn ich von mir spreche, kann ich nur sagen, dass mir die Familie sehr wichtig ist, und ich meine Eltern sehr respektiere. Obwohl meine Eltern glücklich sind, wenn ich glücklich bin, wollte ich, dass sie von sich aus auch zufrieden mit meiner Wahl meiner Frau sind. Die Eltern wollen nur das Beste für ihre Kinder, und mit Ihrer Erfahrung sehen sie vielleicht Dinge voraus, die sonst nur die Zukunft zeigen würde.
Wie steht es mit reisen? Geht’s alleine um die Welt und wohin hat es Dich bis anhin verschlagen?
Ich reise sehr gerne. Beim reisen lernt man neue Dinge kennen. Bleibt man immer am selben Ort, glaubt man alles zu kennen und meint die eigene Meinung sei die allgemeingültige Weisheit. Reisen öffnet die Augen und hilft Leute unvoreingenommen zu begegnen. In Dubai wohnen viele Leute verschiedenster Herkunft, und es scheint fast so, als ob man eine Weltreise unternähme, wenn man durch die Stadt schlendert.
Denkst Du, Du wirst einmal im Ausland leben und arbeiten?
Ich bin zurzeit sehr glücklich in Dubai und denke nicht daran, im Ausland zu leben oder zu arbeiten. Es gibt eigentlich nichts, was mich dazu drängte, ins Ausland zu gehen. Zudem passiert in Dubai so viel, dass ich befürchten muss etwas zu verpassen, sollte ich woanders sein. Ich kann mir auch nicht vorstellen, je einmal für immer auszuwandern. Aber so für eine absehbare Zeit im Ausland zu leben und zu arbeiten, das kann ich mir durchaus vorstellen. Wo das dann wäre, darüber habe ich mir keine Gedanken gemacht.
Augenfällig an der hiesigen Kultur ist unter anderem die Kleidung. Was kannst Du zur Kandura und dem Gutra sagen? Was bedeuten sie Dir?
Unsere Kleidung ist Teil unserer Kultur. Seit meiner Kindheit habe ich all meine Familie und Freunde gesehen, wie sie die Kandura tragen. Ich wage sogar zu behaupten, dass die Kandura ein Teil unserer Identität ausmacht. In den Strassen kann man viele Leute in den Kanduras sehen. All diese Leute kommen von einem GCC Land. Jede Gegend hat so seine speziellen Details. So erkennt man zum Beispiel die Herkunft einer Person anhand des Kragens seiner Kandura.
Zurzeit ist das generelle Verhältnis zwischen Nahem Osten und Westen etwas getrübt. Was könnte Deiner Meinung nach der Westen tun, um dies zu ändern?
Das überlasse ich prinzipiell den Politikern. Ich glaube, die verstehen die Situation und die Zusammenhänge besser als ich. Nichts desto trotz komme ich um das Gefühl nicht herum, dass die westliche Welt eine falsche Vorstellung von der Golfregion und dem Islam hegt.
Nun dieselbe Frage andersrum: Was könnte Deiner Meinung nach der Mittlere Osten tun, um das Verhältnis Ost-West zu verbessern?
Ich möchte nicht eine allgemeingültige Lösung für den Nahen Osten anbieten sondern lediglich sagen, was ich als Individuum mache: Ich versuche möglichst offen zu sein für andersartiges. Ich versuche, den Westen zu verstehen und wünsche den Leuten von dort die Gelegenheit zu geben, mich zu verstehen. Eine Möglichkeit ist, sich gegenseitig Informationen voneinander zu geben. Die Medien spielen dabei eine bedeutende Rolle. Wir sollten von unserer Kultur erzählen, über unser Leben berichten und erklären, warum die Dinge so sind wie sie sind. Wir sollten lernen und respektieren, dass jede Person seinen/ihren eigenen Lebensstil hat.
Nenne drei Dinge, welche sich in Dubai in den letzten Jahren verbessert haben und drei, welche sich verschlechtert haben.
Man kann dieselben Dinge gut oder schlecht sehen. Alles ist gut und schlecht, hat Vor- und Nachteile. Generell glaube ich, dass die Entwicklung in Dubai mehr positives gebracht hat als negatives. Muss ich positive Dinge auflisten, würde ich die zunehmende, kulturelle Aktivitäten erwähnen und dass die Stadt mehr und mehr international wird.
Ein Geheimtipp von Dir: Wohin sollte ich mit meinen Freunden ausgehen?
Möchte ich alleine sein, ziehe ich mich gerne in mein Studio zurück und male. Ein öffentlicher Raum, der mir sehr zusagt, ist die Ibn Battuta Mall. Ich mag, dass einem eine Geschichte erzählt wird, und die vielen Ausstellungsmodelle finde ich unterhaltsam.
Wir sind am Ende des Interviews. Vielen Dank für Deine Einblicke in die emiratische Kultur. Was möchtest Du den Lesern noch auf den Weg geben?
Um etwas über eine Kultur zu erfahren, muss man sie leben und erleben.
And for my English-speaking friends:
Wouldn’t it be best to have a local talking about Dubai? In this regard, I have asked a few Emirati to share their views on life in Dubai with us.
I met with Khalil Tuesday, 15th April 2008, and noted our conversation in writing.
(Earlier interviews were conducted with Shadra and Amina.)
Khalil, what besides your name would you wish the readers to know about you?
I was born in Dubai and I grew up here. I have a university degree from United State of America in Computer Aided Drafting & Design and in Work-Force Education & Development. I like art and painting. I participated in exhibitions and have a couple of works in progress. I am employed with Dubai Cultural Council, in the art department. I’m lucky to work in profession that inspires my artistic talent. George Bernard once said “happy is the man who can make his living by his hobby.” Prior to my current position, I was a teacher at a technical school. I also taught summer courses in painting together with Mohammed Kazem. That goes back as far back as to 1998.
When saying you are an Emirati, how far back do your family roots go?
People were much more mobile in early days. They would move about the whole region: from UAE to Bahrain, from Saudi Arabia to Qatar. People either made their living from the sea by fishing and pearl diving, or from the land by agriculture. My parents and grandparents lived already in the Bastakiya area in Dubai.
What do you think has changed most in Dubai over the past few years?
This is not an easy question. Everything changes very fast in Dubai! It probably depends on your interests and your background where you notice the changes the most. A businessman sees changes in the business world the most. I realize many changes in the field of art. Also the city changes – just see all the ongoing will be good for the people and the country.
Presumably, family has a higher value in the Arab world than in the Western world. Please tell us, how your family life looks like.
It is typical in the Arab world that the extended family lives close together. Frequent and regular visits bond the family. We also establish a very close relationship to our neighbors. This is not only in regards of talking to each other. We also share food – especially during Ramadan. This brings us closer to each other, and we realize without saying if our counterpart is in need of something. It is custom that father and son live under the same roof. In my case, for example, I lived in the same house as my grandparents and my parents. Furthermore, my elder brother and his wife lived with us in the same house as well.
Traditional, Arab architecture knows separated entrances for men and women, has two kitchens and a high wall along the property limits. How does your house look like?
There are different lifestyles of living all over the world. How people live is always related to their tradition and their religion. People live the way which is most suitable to them. Architecture in the Arab world pays more attention to privacy – especially when it comes to residential architecture. Westerners are most intrigued by how we provide our women their own privacy: women have their proper places – just like men – where they are among themselves and not disturbed. For example, unlike the male Majlis, the female Majlis is not located close to the entrance and does not have windows to the outside, onto the streets.
How would your dream home look like?
As I like the city as much as the countryside, I would like to have one house in the city center and one outside in the nature. I love the water and, therefore, would like to see the sea or live next to it. Another passion of mine is the garden. I dream of a big garden. When it comes to the house itself, I think of a separate section where I could host my visitors and friends. Hospitality is a very important element in this regain and it is also important to me. Furthermore, I would like to have my own atelier in my house.
Which three things do you consider typically Arabic?
I would say, Emirati are: Kind people, hospitable, open and warm-hearted
What would you wish to give your next generation on the way?
The UAE culture! I wish to preserve our rich cultural heritage as a legacy to the next generation. The language is also part of the culture, and we need to take care of it.
When going out, how mixed is your group of friends?
I am going out with friends, in groups and with the family. When I go out with my family, we mostly visit other families. We do not really mix in our culture but things are changing as well.
That brings me to another topic: how do you get to know somebody, your future partner, in a society where people are separated according to their gender?
Our culture does not separate society, this is a misconception. It is more that we try to respect the privacy of people. There is a change in our culture and things are not anymore as they were one generation ago. For example, nowadays, a big portion of emirate girls are working in mixed work places, and the society is opening up in this regard. Speaking about my personal situation, family is very important to me and I respect my parents very much. Even though my parents are happy when I am happy, I wanted them from the bottom of their heart to like my future wife. Parents want only the good for their children, and with their experience, they might see things that only time will prove to be right.
How about traveling?
I love traveling. Traveling is about learning and experiencing new things. When staying at one place only, you trust to know everything, and you believe that everybody thinks as you do. Traveling opens your eyes and may help that you do not misjudge people. Dubai is home to many different cultures, and if feels like traveling already when walking across the city.
Could you imagine living and working abroad?
I am very happy in Dubai at the moment, and I do not think about living and working abroad. There is nothing that would encourage me to go to another country. So many things are happening in Dubai that I feel I would miss something if I were not here. I also do not think that I would ever want to leave my country for good. But for a certain period of time, I could very well imagine to live and work abroad. However, I have not thought about a destination yet.
The dress code is an obvious characteristic in the Arab culture. Please tell us something about the Kandura and the Gutra and what they mean to you. The dress code was developed, I think, according to the environment.
Our dress is part of our culture. Since I was a kid, all my family and friends were wearing it. I might well say that the Kandura is part of our identity. One can observe many people in the streets wearing the Kandura. All these people are coming from a GCC country. Each region has specific details and, for example, one can tell by the design of the collar from which part of the Arabic peninsula the person originates.
The general relationship between the Middle East and the Western world is not at its best at the moment. What do you think could the West do in order to improve the situation?
In principle, I would like to leave this with the politicians. I am sure they have a better understanding of the situation. Nevertheless, I am not free of the feeling that the Western world has a misconception about the region and the Islamic religion.
Now the same question from a different angle: what do you think could the Middle East do in order to improve the current situation between Middle East and West?
I do not wish to advise what the Middle East could do but would like to say what I personally do: I try to remain an open mind. I try to understand the West and would like to give them the opportunity to understand me. One way to do so is to provide and receive information about each other. The media plays an important part as well. We should talk about our cultures, about our lives and why things are as they are. We should learn and respect that each person has his or her own way of life.
Please name three things which changed to the good in Dubai and three things that changed to the worse.
We can look upon things in a good as well as in a bad way. Everything is good and bad, has an advantage and a disadvantage. In general, I believe that whatever happens here in Dubai has done more positive than negative. If I have to mention positive developments, they would be the increasing cultural activity and that the city becomes more and more international.
Please, would you provide an insiders’ tip where to go out with friends?
When I like to be alone, I prefer to be in my studio and paint. When it comes to public places, I like Ibn Battuta Shopping Mall very much. It is because it tells you a story (about the discoverer Ibn Battuta) and educates you with its many displays. This is very interesting.
We are at the end of the interview. Thank you very much for your insights into the Emirati culture. Do you have any last words for our readers?
In order to learn something about a culture, you have to live it and experience it.